Jobguide FINANCE_CONTROLLING_d619

Finance_Controlling Es war ein richtiges Erdbeben, das britische Votum am 20. Juni 2016. Mit einem Ergebnis, das zumindest in der Finanzdienstleistungsbran- che Karrierewege verändern dürfte – was den Standort angeht. Der Brexit, der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union, hat Folgen für London. Das europäische Finanzzentrum beschäftigt 700.000 Banker und Finanzdienstleister – und der Austritt könnte laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC bis zu 100.000 Arbeitsplätze kosten und die Bruttowertschöpfung des Fi- nanzsektors um bis zu 9,5 Prozent bis 2020 senken. Sorgen, dass Fachkräfte bei Banken und Versicherungen keinen Job finden, sind aber unberechtigt – solange es nicht London sein muss. Natürlich setzt die Digitalisierung die Geschäftsmodelle der Banken und Versicherungen gewaltig unter Druck. Fintechs, wie die Start-up- Unternehmen im Finanzbereich heißen, machen den Konzernen vor, wie sich mit schlanken Strukturen einfache und vor allem preiswerte Geschäftsideen umsetzen lassen: Sie wickeln zum Beispiel grenzübergrei- fende Überweisungen günstiger ab oder vermitteln schneller Online-Zah- lungen. Und in Deutschland sind die Banken unter Kostendruck, wie die Unternehmensberatung A.T. Kearney ermittelt hat. In keinem anderen europäischen Land müssen Banken so viel Geld ausgeben, um einen Euro zu verdienen wie in Deutschland. 2015 lag die Effizienzkennziffer bei 69 Prozent, in Skandinavien, dem Spitzenreiter, sind es 22 Prozent. Das zwingt die Banken und Finanzdienstleister mit ihren über 600.000 Beschäftigen in Deutschland zwar zu Schrumpfungskuren, aber auch zu gewaltigen Investitionen – Personal inbegriffen. Sie brauchen Mitarbeiter, die den digitalenWandel erfolgreich bewältigen und sich den künftigen geschäftlichen Herausforderungen stellen. Ein Blick auf die Jobbörsen allein im Sommer 2016 zeigt: In der Bundesrepublik suchen Banken und Finanzdienstleister fast 20.000 Mitarbeiter. Dass der Markt für gute Kräfte da ist, liegt auch an den neuen Fin- techs. Sie sind nicht nur eine Konkurrenz mit ihren Geschäftsmodellen, sondern auch Wettbewerber im Kampf um die besten Köpfe. London, noch immer Finanzzentrum Europas, beschäftigt allein bei den Fintechs 61.000 Mitarbeiter – und die meisten hegen Expansionspläne. Ob die Fintechs mit ihren Angestellten wie auch die Bankhäuser in naher Zu- kunft tatsächlich noch ihre Kräfte für London suchen werden, ist wegen des Brexits fraglich. Der Grund: Die Finanzindustrie arbeitet auf der Insel mit der Genehmigung der britischen Kontrollbehörde Financial Conduct Authority – und die berechtigt automatisch zu Geschäften in allen ande- ren EU-Mitgliedsstaaten. Bei einem Austritt fällt dieses Recht weg und lässt daher viele über den Standort neu nachdenken. Darunter auch die europäische Banken- aufsicht, die nach dem Brexit nicht mehr in London bleiben kann und deren neuer Standort Signalwirkung haben dürfte. Damit gehen auch die Jobs auf Wanderschaft. Frankfurt etwa rechnet im Bankensektor mit einem Zuzug von 20.000 Fachkräften. An Büroflächen mangelt es nicht. Schon jetzt arbeiten in der Mainmetropole allein im Finanzbereich rund 60.000 Menschen. Die Bankenszene mit der Europäischen Zentralbank lockt daher die Unternehmen an den Main und die wiederum sind auf Hochschulabsolventen und Spezialisten angewiesen. Und wem das Ge- halt wichtig ist: Hessen ist finanziell gesehen der Top-Standort für Finanz- profis. Sie locken aber nicht allein: Hinzu kommt die Versicherungswirt- schaft, die auch den Veränderungsdruck durch die Digitalisierung und kleiner, wendiger Fintechs spürt. Die Versicherungskonzerne haben ihnen länger zugesehen und im Jahr 2016 endlich angefangen, zu handeln. Sie gehen strategisch den Weg der Partnerschaft und steigen bei vielverspre- chenden Start-ups ein. Etwa die Allianz, die nun bei Simplesurance inve- stiert ist. Das Unternehmen bietet automatisch passende Versicherungen an, wenn ein Kunde online ein Produkt gekauft hat. Das 2012 gegründe- te Start-up hat heute schon über 100 Mitarbeiter, der Einstieg der Allianz gilt als Ritterschlag. Bislang hatten die Konzerne – wie die Deutschen Banken – demTreiben der neuen Konkurrenz nur tatenlos zugesehen. Doch die Warnung der Managementberatung Bain & Company, dass Versicherungen, die sich dem digitalenWandel verschließen, auch ih- re Existenz gefährden, hat sich herumgesprochen. Schließlich stehen mit der Digitalisierung der Versicherungsbranche viele neue Vertriebs- und Kommunikationskanäle offen, die neue Herausforderungen an Produkte, Neuaufstellung in der digitalen Finanzwelt Die Digitalisierung setzt das Geschäftsmodell von Banken und Versicherungen unter Druck. Gut für die Karriere: Für den Umbau brauchen die Finanzdienstleister Fachkräfte mit neuen Kompetenzen – und dabei konkurrieren sie mit den Finanzabteilungen der Industrie und Dienstleistungsbranchen um qualifizierte Kandidaten.

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